5 Herausforderungen für Orchestermusiker

Herausforderungen für Orchestermusiker
Herausforderungen für Orchestermusiker

Wer als junger Mensch eine Stelle in einem Orchester ergattert, hat allen Grund stolz auf sich zu sein. Nach der anfänglichen Euphorie stellt sich jedoch für viele eine gewisse Ernüchterung ein. Natürlich gilt das auch für den Einstieg in andere Berufe. Das Leben im Orchester stellt jedoch ganz spezielle Herausforderungen an die Musiker, die es zu meistern gilt.

1. Wie sich die Hierarchie auswirken kann

Schon in meinem Beitrag „Kommunikation in der Musik“ bin ich kurz auf die Hierarchie innerhalb eines Orchesters eingegangen. Anders als moderne Unternehmen, die den Teamgedanken und das Arbeiten in flachen Hierarchien immer stärker favorisieren, sind Orchester streng hierarchisch geordnet, was auch kaum anders möglich ist. So stellt dies sicher die effizienteste Art dar, gemeinsam Stücke zu erarbeiten. Kaum vorstellbar, wenn jeder Musiker an der Interpretation einer Oper mitwirken wollte. Oder jeder gerne seine Ideen zur Programmplanung berücksichtigt wissen möchte. Und so gibt es den Chefdirigenten, Intendanten, Konzertmeister, Stimmführer, Bläsersolisten und dann das Heer der Tutti-Musiker. Zwar existieren auch demokratisch geführte Orchester: So wurde die Bremer Kammerphilharmonie 1980 neu gegründet und zeichnet sich bis heute durch die Mitbestimmung der Musiker bei der Programmplanung aus. Außerdem sind die Mitglieder des Orchesters gleichzeitig auch dessen Gesellschafter. In den meisten Kulturorchestern sind die Musiker allerdings Ausführende der Ideen von anderen. Dies kann zu einer gewissen Frustration führen. Vor allem, wenn sie sich durch wenig hilfreiche Kommunikation nicht richtig wahrgenommen fühlen. Denn auf der anderen Seite sind die Musiker ja unverzichtbar.

2. Eine große Herde

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist der Umstand, dass Orchester sehr große Gemeinschaften von Kollegen sind. Anders als in Wirtschaftsunternehmen agieren diese jedoch viel häufiger im großen Pulk. So treffen in Sinfoniewochen je nach Besetzung jeden Tag rund hundert Kollegen aufeinander. Dass dies eine große Herausforderung für Kommunikation und Interaktion ist, scheint klar zu sein.

3. Komm an meine Seite

In diesen großen Gemeinschaften, die hauptsächlich vor und nach den Proben und in den Pausen eine Rolle spielen, arbeiten die Orchestermusiker zu zweit auf engem Raum zusammen. Das heißt, die Streicher teilen sich jeweils ein Pult zu zweit. Hier gelten meist rotierende Sitzordnungen, insofern gibt es einen gewissen Wechsel. Diesen jedoch kann der Einzelne kaum beeinflussen. Während man also in anderen Bereichen zum Beispiel das Büro mit gewissen Kollegen teilen muss, kommt im Orchester ein weiterer Aspekt hinzu: Hier müssen sich die Orchestermusiker immer wieder auf neue Pultnachbarn auf Zeit einlassen. Eine Herausforderung im Umgang miteinander.

4. Allianzen unter Orchestermusikern

Bei größeren Gemeinschaften kommt es dann wie auch andernorts in Orchestern zu Cliquenbildung. Solange diese Cliquen durch positive Aspekte miteinander verbunden sind und sich etwa Kammermusikensembles unter ihnen bilden, gibt es kaum negative Auswirkungen. Wenn sich aber ein nach außen abgrenzender Charakter als Hauptanliegen der Clique durchsetzt, können solche kleinen Gruppen für ein ganzes Orchester zur Herausforderung werden.

5. Dienst nach Vorschrift?

Vor allem Streichern macht es das Spielen in großen Gruppen leicht, sich im Dienst zu verstecken. Und so gibt es Orchestermusiker, die eher so tun als ob. Dies wird auch dadurch möglich, dass es den Stimmführern, die vorne sitzen, kaum auffällt, welcher Tuttist sich sozusagen vornehm zurückhält. Natürlich nehmen es andere Tuttisten wahr, aber wer möchte sich schon als Denunziant hervortun. Es muss also einiges geschehen, bis Beschwerde über einen wenig engagierten Kollegen vorgebracht wird. Doch da es andererseits auch viele Orchestermusiker gibt, die mit großer Überzeugung Musiker sind und somit ihren Traum leben, birgt diese Diskrepanz zwischen den Dienstschiebern und den Engagierten ein großes Potenzial an Missstimmung und regelrechtem Hass aufeinander.

Es gibt also einiges zu tun, damit Orchester reibungslos funktionieren und mit ihrer Musik andere begeistern können.

Kommunikation in der Musik

Kommunikation in der Musik
Kommunikation in der Musik

Die Zeiten, in denen die strenge Klavierlehrerin zu einem Lineal griff, um ihren Schülern auf die Hände schlagend die falschen Töne auszutreiben, sind zum Glück längst vergangen. Und doch bleibt die Kommunikation zwischen Musikern eine große Herausforderung. Das Beispiel Lehrer-Schüler-Kommunikation ist zwar speziell, weil es ein durch Hierarchie geprägtes ist, doch diese Art der Kommunikation zieht sich oft durch ein ganzes Musikerleben. Zunächst entwickelt sich der Schüler zum Musikstudenten, der nun mit seinem Professor kommuniziert. Und nach dem Studium erleben Musikstudenten als Orchestermusiker meist erneut eine hierarchische Kommunikation. Vielleicht ist der eine oder andere Orchestermusiker Mitglied in einer Programmkommission, die den neuen Spielplan mit vorbereitet. Der überwiegende Teil der Orchestermusiker hat jedoch keinen Einfluss darauf, welche Werke in einer Spielzeit anstehen. Interpretiert wird das jeweilige Programm dann von einem Dirigenten.

Frust oder Freude?

Nun könnte man denken: Kein Problem, viele Menschen arbeiten unter vergleichbaren Bedingungen. Die große Richtung gibt das Management vor und untere Hierarchieebenen führen aus. Doch die Kommunikation in der Musik ist auch deshalb äußerst sensibel, weil es nicht um Rationales sondern um Emotionen geht. Und diese sind nun einmal sehr persönlich. Wer sich als Student die Seele aus dem Leib spielt und als Kommentar des Professors hört: „Was wolltest du denn da ausdrücken, das habe ich nicht verstanden“, wird persönlich getroffen sein. Wer als Musiker sein Lieblingsstück vom Dirigenten, dem Solisten oder gar den Kollegen zerstört sieht, empfindet dies im Zweifelsfall als persönlichen Angriff. Dies kann zum Beispiel dadurch geschehen, dass ein Dirigent die Musik völlig anders interpretiert als es der einzelne Musiker empfindet. Oder im Pausengespräch zerfleddert ein Kollege das Stück und schätzt dessen Wert völlig anders ein. Kommunikation findet also auf einer hochsensiblen Ebene statt, doch kaum ein Musiker setzt sich mit der Wirkung seiner Worte auseinander. So ist die Interpretation von Musik sehr subjektiv, doch häufig sind Musiker zu sehr von ihrer Sicht überzeugt und sehen kaum die Plausibilität anderer Sichtweisen. Missverständnisse und gegenseitige Verletzungen, wenn auch nicht unbedingt beabsichtigt, sind also vorprogrammiert.

Nonverbales spielt eine große Rolle

Hinzu kommt, dass Musiker natürlich auch während des Spielens kommunizieren, dann aber nonverbal. Wenn man jedoch schon mit Worten häufig erstaunlich gut aneinander vorbei reden kann, ist die Gefahr die Mimik und Gestik des Gegenübers falsch zu verstehen, fast noch größer. Nicht nur kommunikativ, sondern auch musikalisch leben Musiker dann in völlig verschiedenen Welten. Dies gilt sowohl für Unterrichtssituationen als auch für Kammermusikensembles und Orchester. Aus meiner Sicht als Mediatorin und Musikerin könnte viel Frust und Unlust der Vergangenheit angehören. Es müssten sich Musiker nur mehr mit Kommunikation beschäftigen.